Arts & Design

Vasily Klyukin: Traumwelten

Vasily Klyukin ist einer der spannendsten russischen Gegenwartskünstler. Bei der Biennale in Venedig 2019 überraschte er mit „In Dante Veritas“, einer skulpturalen Umsetzung von Dante Alighieris „Inferno“, in Wien zeigte er zuletzt „Civilization. The island of the day before“. Besonders seine kraterförmigen Wandskulpturen faszinieren Publikum und Kritiker. Dabei war Klyukin eigentlich Banker und Miteigentümer der russischen Sovcombank, der nach der Finanzkrise beschloss, sein Leben radikal zu ändern. In OOOM erzählt er, warum.

Georg Kindel14. Januar 2022 No Comments

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Diese Frage stellte Vasily Klyukin mit seiner Ausstellung „Civilization“ in Wien, kuratiert von Anne Avramut. Die Antwort fällt auch ihm nicht leicht: „Das ist die am meisten philosophische Frage von allen. Vor zwei Jahren traf ich den Dalai Lama, einen der größten Philosophen unserer Zeit. Unser Gespräch sollte 20 Minuten dauern und ich hatte einen Monat Zeit, mir zu überlegen, was ich ihn fragen will.“ Klyukin war klar: „Ich wollte eine Frage stellen, auf die ich selbst keine Antwort habe. Doch wann immer ich endlich eine Frage fand, dachte ich selbst lange über die mögliche Antwort nach, bis ich sie fand. Ich habe mir Hunderte Fragen selbst gestellt und beantwortet auf der Suche nach jener einen Frage, die ich ihm stellen wollte.“ Ein Prozess, durch den der Künstler viel über sich selbst erfuhr.  

Klyukin wuchs in Moskau auf und liebte Science-Fiction-Literatur, was man bis heute in seinen Werken erkennt. Er wollte Raumfahrer oder Taxifahrer werden: Kosmonaut, weil sein Vater Schriftsteller war und in seiner Kindheit zweimal Raumfahrer bei ihnen am Küchentisch saßen. Und Taxifahrer? „Weil ich dann ein Auto bekommen würde.“ Tatsächlich startete er eine Bankkarriere und kaufte 2001 schließlich mit Freunden eine kleine Bank, die sie zur Sov­combank aufbauten, 2020 die drittgrößte Privatbank Russlands. Nach der Finanzkrise 2008/2009, bei der er „wirklich viel Geld“ verloren hat, hinterfragte er erstmals sein Leben: „Du kannst noch so ordentlich und erfolgreich arbeiten, doch plötzlich kommt ein Ereignis und schneidet deine Lebens­ader durch. Du siehst nicht einmal die Klinge kommen. Ich beschloss: Ich kann blind meine Augen schließen, oder ich entscheide mich, ein neues Leben zu leben.“ Er traf damals seine spätere zweite Frau – Klyukin ist heute vierfacher Vater – und beschloss, nach Südfrankreich zu ziehen: „Ich habe das Seil zum Business durchgeschnitten. Es war nicht einfach, doch ich begann alle Dinge zu tun, die ich bisher immer verschoben hatte: Ich las Bücher, sah mir Filme an, ging zu Fuß zum Nordpol, stieg auf den Mount Everest.“

Diese Metamorphose spiegelt sich in seinem Werk wider. Klyukins Bilder und Skulpturen werden mittlerweile auf der ganzen Welt ausgestellt. Der SciFi-Liebhaber, der „mehr in der Zukunft lebt als im Heute“, weiß: „Die nächste Generation wird Kunst digital durch Virtual und Augmented Reality nach Hause geliefert bekommen, sie muss in kein Museum mehr gehen. Wir werden Werke von großen Künstlern wie Malewitsch durch Virtual Reality neu zusammenstellen und verändern und so ein eigenständiges Kunstwerk erschaffen können. In Dubai habe ich eine solche Technologie schon ausprobiert.“ Und er sieht einen neuen Kunst-Boom, ausgelöst durch Internet und Social Media: „Du hast durch Instagram deine eigene Galerie in deiner Tasche, du bist unabhängig von Galeristen und Museen.“

Dass er um 1,5 Millionen Euro bei einer Auktion in Cannes einen Raumflug gemeinsam mit Leonardo DiCaprio mit Virgin Galactic ersteigerte, hat einen in der Kunst verwurzelten Grund: „Der höchste Berg Europas ist der Montblanc, über 4.800 Meter hoch. Ich weiß nicht, ob Leonardo da Vinci je oben war. Wenn wir heute im Flugzeug 10.000 Meter hoch fliegen, sehen wir, was Leonardo nie sehen konnte. Es ist eine völlig neue Perspektive. Diese möchte ich durch den Blick aus dem Weltall erleben.“

14. Januar 2022