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Vor den Kulissen

Amerika gilt als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch wie schwierig ist es für eine junge Schauspielerin tatsächlich, in den USA Fuß zu fassen? Die Österreicherin Esther-Sophia Artner lebt seit viereinhalb Jahren in New York, studierte Schauspiel an der renommierten Actors Studio Drama School von Al Pacino und startet gerade ihre Schauspiel- und Regiekarriere. Das Talent aus Wien über Auditions, Disziplin, harte Konkurrenz – und warum man mit Akzent keine Hauptrollen bekommt.

Georg Kindel & Christina Zappella-Kindel7. Juni 2018 No Comments

Hat man da überhaupt eine Chance?

Das größte Problem für mich in den letzten Jahren war, dass ich kein Visum hatte. Jetzt bekomme ich eins, jetzt kann ich mich auch um Agenten kümmern. Aber wenn du kein Visum hast und auch kaum eine Karriere in deinem Heimatland vorweisen kannst, will kaum jemand mit dir arbeiten. Ich glaube, das ist für alle meine internationalen Kollegen das Schwierigste gewesen. Du musst Tausende Empfehlungsschreiben organisieren, musst Presseberichte nachweisen. Das ist fast wie ein zweiter Job. Und dann gehst du auch noch zu Auditions.

Wie leben Sie?

Im East Village. Meine Wohnung ist eine kleine Schuhbox. Aber das Viertel ist total nett, es gibt alles, von Second-Hand-Läden bis zum coolen Yoga-Medi­tationszentrum.

War anfangs die Mentalität der New Yorker für Sie schwer zu verkraften?

Ich war an einer Schauspielschule, wo wir extrem emotionales Training gemacht haben. Alles, was du jemals gelernt hast, musstest du vergessen. Du bist dann total offen und verletzlich. Die U-Bahn ist immer voll, die Leute stehen gedrängt und dein Herz ist offen, aber „no one gives a shit“. Wenn du in Midtown bist, und du auf der rechten Straßenseite uptown gehen willst, dann bist du wie ein Fisch, der gegen die Strömung schwimmt. Irgendwann gewöhnt man sich an das Tempo. Man lernt dann eben abzuschalten. Mein Freundeskreis ist wie eine Familie für mich geworden: eine Europäerin, eine Belgierin, ein Inder, eine Australierin, zwei Amerikanerinnen.

Wovon träumen Sie, was wollen Sie erreichen?

Ich möchte mir gerne meinen Lebensunterhalt vom Schauspiel verdienen. Es gibt Regisseure, mit denen ich gerne arbeiten würde, z. B. Maren Ade, Tom Tykwer oder auf der Bühne mit Thomas Ostermeier und im englisch­sprachigen Raum Greta Gerwig, Sofia Coppola und natürlich Wes Anderson, um nur einige zu nennen. Es gibt TV-Serien, die ich sehr gerne mag, Charaktere, die ich mag. Ich mag historische Filme und Serien, weil es da oft sehr starke Frauenrollen gibt und Konflikte darin so gewichtig sind. Auch die Kostüme sind meist schön. Ich glaube, ich habe sehr viel Power auf der Bühne und vor der Kamera. Für mich ist es eher schwieriger, mich jünger oder verspielter zu machen.

Sehen Sie sich eher im Theater oder am Filmset?

Ich habe bisher mehr Bühnenrollen gehabt, und es war auch immer mein Plan, mich zunächst sicher auf der Bühne zu fühlen, um mein ganzes Repertoire wirklich kennenzulernen. Aber ich liebe den Film, weil er diese feinen Nuancen hat, die du im Theater nicht so darstellen kannst. Ich würde gerne das nächste Jahr mehr in diese Richtung gehen.

Hat jemand, der in Amerika Schauspiel studiert, es nach der Rückkehr nach Österreich leichter, Rollen zu bekommen?

Ich glaube nicht. Für den Film haben wir in New York sicher ein intensiveres Training als in Österreich. Was die Bühne betrifft, hat Österreich einfach diese lange, tolle Theatertradition. Ich finde Frauen wie Grischka Voss großartig, die ein Ensemble gegründet hat, wo sie in verlassenen Häusern Pop-up-Shows macht.

Ist die #Metoo-Debatte in Ihren Kreisen nach wie vor ein großes Thema?

Zu allererst Mal: Auf jeden Fall. Ich finde es war sehr wichtig, dass man darüber spricht.

Haben Sie schon selbst bei einem Casting Avancen erlebt, wo Sie sich denken: „Muss ich mir das gefallen lassen?“

Ich habe es mir eher mit manchen Leuten verscherzt, weil ich mir nie etwas gefallen lasse. Wenn jemand meine Grenze überschreitet, dann schmeiß ich ihn vehement zurück. Man muss auch unterscheiden: Ich kann spielerisch etwas zurückwerfen und mit Humor dem Ganzen begegnen, aber wenn es wirklich ungut wird, dann hört sich das auch auf.

7. Juni 2018

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