Inspiration

Was der Wald uns erzählt

Inspiration kommt in Momenten wo wir Ruhe finden und in uns hineinhören. Dies bedarf ganz besonderer Orte, vor allem im Einklang mit der Natur. Unsere Redakteurin nimmt sie mit auf Ihre ganz persönliche Gedankenreise.

Namita Herzl28. Mai 2018 No Comments

Ich sitze am Schreibtisch und merke, dass ich langsam wieder nervös werde. Mein Bauch sagt, ich soll aufhören mich zu konzentrieren, und mich endlich entspannen. Die Antwort meines Kopfes ist, dass jetzt keine Zeit zur Entspannung bleibt, denn es gibt noch so viel zu erledigen!

Dieses Spielchen zwischen Bauch und Kopf kenne ich schon länger. Und ich habe mich diesbezüglich entschieden, dass ich dem Kopf nicht mehr glaube.
Schenkte ich seinen Worten regelmäßig Glauben und Aufmerksamkeit, wäre ich derzeitig höchstwahrscheinlich nicht so gesund, wie ich es bin.

Der Kopf will immer mehr. Mehr Geld, mehr Freunde, mehr Arbeit!

Er ist am produzieren Tag ein, Tag aus. Wenn die Dinge erledigt sind, die auf der To-Do Liste standen, fallen ihm wieder hunderte Aktivitäten ein, die ich noch erledigen könnte. Und es gibt ja auch noch die Leidenschaften, die nicht zu kurz kommen dürfen! Mein Verstand sagt dann zu mir: „Wann wurde das letzte Mal ein Buch außerhalb der Arbeit aufgeschlagen? Du wirst vielleicht eine gute Philosophin werden, wenn du dich weiterhin so intensiv mit deinem Studium auseinandersetzt, doch ansonsten wirst du ungebildet sein! Los, lies mal den Goethe, den du schon so lange Zeit im Regal liegen hast!“

So geht es dahin mit mir und meinem Verstand. Der will mir immer erzählen, dass ich zu wenig schaffe, mir mit allem viel zu viel Zeit lasse, und erfolgslos sterben werde, wenn das so weiter geht. Problematisch war es, als ich ihm diese ganzen Geschichten noch glaubte. Das endete in einem Burn-Out im Alter von siebzehn Jahren. Denn je mehr ich machte, desto nervöser wurde mein Verstand, und somit war ich in einem kontinuierlichen Kampf mit dem, was mein Verstand von mir wollte, und dem, was meinen Körper benötigte.

Er brauchte die  Portion Ruhe, die ich ihm lange Zeit nicht gab. Der vollkommene Zusammenbruch hat mich schließlich dazu gebracht, mich selbst zu stoppen. Das ist nun einige Jahre her. Mein Verstand hat niemals aufgehört zu stressen. Eine andere Sache hat sich jedoch ganz eindringlich verändert: ich höre ihm nicht mehr zu. Ich glaube ihm nicht mehr. Wir haben nun eine ganz entspanne Beziehung, mein Verstand und ich. Ich akzeptiere ihn voll und ganz wie er ist, gebe ihm Wertschätzung für sein kognitives Talent, und ignoriere ihn, wenn er mich mit seinem Stress zumüllt.

Was tue ich nun, wenn ich eigentlich keine Kraft mehr habe zu arbeiten, mein Verstand mir aber Druck macht weil unzählige Abgabetermine einzuhalten sind?
Ich stoppe. Ich stoppe so lange, bis mein Verstand sich beruhigt hat. Mit so einem Stresskopf noch irgendwie produktiv zu sein ist vielleicht möglich, jedoch leidet die Qualität der Arbeit erheblich daran. Und ich möchte gute Arbeit machen. Ich habe herausgefunden, dass ich viel produktiver bin, wenn ich in der Entspannung bleibe. Was bedeutet stoppen für mich?

Atmen. Stille. Raum. Sein. Sich selbst das Dasein erlauben. Ohne Zwang.

Es gibt einen Ort, an dem es mir ein leichtes ist, den Raum der inneren Stille zu kontemplieren. Ich gehe den Hügel in Klagenfurt hinauf und komme zu meinem Lieblingsplatz am Kreuzbergl. Meine Schuhe ziehe ich aus, und stelle sie irgendwo hin. Die feuchte Erde, umzogen von Gräsern und Steinen, berührt meinen bloßen Fuß.
Ich bewege meine Zehen leicht, sodass sie sich ein wenig in die Erde graben. Mutter Erde ist spürbar in diesem Moment. Es hat etwas sehr ursprüngliches, die Verbindung mit dem Wald. Langsam gehe ich Schritt für Schritt in den Wald hinein. Mein Organismus ist umzingelt von Laub- und Nadelbäumen in allen Grüntönen. Die Vögel zwitschern, und die Grillen veranstalten ein großes Konzert des Gezirpes. Atmen. Der Duft von frischer Erde, feuchten Gräsern und bunten Frühlingsblumen zieht durch meine Nase. Hier kann ich wirklich atmen. Ich höre das summen der Bienen, wie sie zart an mir vorbeifliegen, auf der Suche nach dem nächsten Nektar. Der Wind weht mir meine blonden Haare ins Gesicht, und die Blätter rascheln flatternd, als er sie durchstreift. Da ist ein Gefühl der Heimat in mir. Es fühlt sich weich und wohlig an, aufgehoben.

Was erzählt er uns nun, der Wald? Er erzählt uns vom Moment. Seine Geschichte ist keine, die in Worte zu fassen ist. Stille umfasst ihn. Die Erzählungen des Waldes existieren auf Ebenen, die weit unter der Sprache liegen, denn Sprache allein ist schon viel zu grob und ungenau, um die Zartheit des Waldes zu verkörpern.
Die Geschichte des Waldes wird erzählt durch die Perfektion der Imperfektion, die sich durch seine ganze Natur zieht. Er ist umwoben von einem System, dass chaotisch auf den Menschen wirkt: keine Wege, umgefallene Bäume, verwesende Leichenteile.
Was hat denn dieses Chaos mit Perfektion zu tun? Nun, wer hat uns denn erzählt, dass Perfektion geradlinig ist? Wir reden doch hier von einem Wald, und nicht von einer vom Menschen geschaffenen Institution! Aber genau deshalb sagte ich auch, es sei eine Perfektion der Imperfektion, denn auf einen Menschen wirkt dieses Chaos, das im Wald anzutreffen ist, gerne als das Gegenteil von Perfektion. Perfekt wäre ein gemähter Rasen, ein gepflegtes Gemüsebeet, oder ein schön zurechtgeschnittener Rosenstrauß, aber sicherlich nicht der wuchernde Wald! Wer dies sagt, hat die Sprache des Waldes nicht verstanden. Denn der gute Wald, weiß ganz genau wie er mit den Veränderungen seines Systems umgehen darf. Stirbt ein Baum, so wird er das neue Zuhause für unzählige Insekten. Verwest ein Tier, so bietet es Nährstoffe für andere Tiere und den Boden.

Bricht Feuer aus, verbrennt ein Teil des Waldes, sodass er danach wie der Phoenix aus der Asche neu aufleben darf. Gibt es ein Ungewitter, bekommt er Wasser, durch das das ganze Wurzelkomplex des Waldes genährt wird. Und alle Tiere spielen ihre ganz personalisierte Rolle in diesem Komplex. Wer ist also Chaotisch? Der Wald, der sich jedes Geschehnis, jede Veränderung zur Hand nimmt, um etwas Neues zu bauen, oder der Mensch, der die Erde mit seiner Sucht nach Geradlinigkeit und Systematisierung zerstört. Wir haben durch den Zwang der Perfektion vergessen, was es heißt, Mensch in der Natur zu sein. Wir erlauben uns nicht einmal mehr zu stinken. Ein Loch in der Bluse ist schon ein Zeichen für Ungepflogenheit. Ich betrachte den Planeten und frage mich, was uns diese Zwänge gebracht haben? Chaos! Zerstörung! Leid!

Der Wald zeigt uns, wie wir mit Vergänglichkeit umgehen dürfen. Er erzählt uns, wie wir das Beste machen können aus einer veränderten Situation.

Er erzählt uns, was es heißt zu leben. Natur ist seine Sprache. Da kommt mir der Gedanke in den Sinn, dass der Mensch ursprünglich auch ein natürliches Wesen ist, also warum haben wir die Sprache der Natur vergessen? Wir können sie jedoch wieder erlernen, indem wir ganz genau zuhören.

Text: Namita Herzl
Fotos: Rene Scheibenbauer: (http://www.renescheibenbauer.net)

 

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