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Wenn Klopapier zur emotionalen Windel wird

Das Gefährlichste an Corona und die Chance für einen Neustart. Von Angst, Klopapier und unserer großen Chance, die Zukunft neu zu gestalten. Wir setzen uns mit dem Coronavirus auseinander. Und das ist gut so. Wir beachten die verordneten Vorsichtsmaßnahmen. Und das ist gut so.

Wolfgang Stabentheiner11. Dezember 2019 No Comments
wolfgang stabentheiner ooom magazin

Wir versuchen gesundheitlich und wirtschaftlich das Ärgste zu verhindern. Und das ist gut so. Derweil lauert allerdings an ganz anderer Stelle eine Gefahr – die Angst vor COVID-19. Die Angst um Gesundheit, die Angst um Familienangehörige, die Angst um die Zukunft. Die schlechte Nachricht: Angst ist in ihren Auswirkungen wohl nicht weniger desaströs, als es das Virus selbst sein könnte. Die gute Nachricht aber: Angst kann uns nichts anhaben – sie wird uns im Gegenteil sogar wichtige Entwicklungsimpulse geben und uns geradezu beflügeln. Wenn wir richtig damit umgehen…

Die Angst geht um
Angst, angesteckt zu werden oder andere anzustecken, Angst vor den Unwägbarkeiten, die mit COVID-19 verbunden sind, Angst vor Leid und Tod, Angst vor dem Verlust von Hab und Gut, wenn der Job verloren oder die Firma zugrunde geht. Die Angst geht um. Während sich die bestätigte Zahl der an Corona Erkrankten (zumindest derzeit noch) im Promillebereich bewegt, scheint von der Seuche der Angst ein sehr, sehr hoher Prozentsatz der Menschen in unserem Land befallen zu sein (laut aktuellen Umfragen an die 70%).

Ist Angst eine Krankheit?
Von Angst bekommt man weder Fieber noch Lungenentzündung, und auch wenn man der Risikogruppe alter und vorerkrankter Menschen angehört, ist Angst keine todbringende Krankheit. Ob das so stimmt? Die Bagatellisierung der Angst ist ebenso fahrlässig wie die Verharmlosung des Coronavirus.

Angst schwächt das Immunsystem
Ich habe in meinem Beruf als Coach schon Gruppen bzw. MitarbeiterInnen von Unternehmen in Situationen großer Angst erlebt und festgestellt, dass ein signifikanter Prozentsatz dieser Menschen erkrankte – von Burnout über lang anhaltendes Fieber bis zu Krebs – und dass suchtgefährdete Menschen in einem hohen Maße rückfällig wurden. Tatsächlich wird der Körper im Angstzustand von Stresshormonen wie Cholesterol geflutet – eine Reaktion, die kurzfristig Kräfte mobilisiert, um Gefahren zu bewältigen, längerfristig aber zu einer Schwächung des Immunsystems führt. Es gibt Schätzungen, die darauf hinweisen, dass die Suizidrate in Folge des Coronavirus höher sein könnte als die Mortalität durch das Virus selbst (abhängig von der Dauer des Ausnahmezustandes). Ebenso könnten mehr Menschen durch Folgekrankheiten, die mit der Angst vor COVID-19 in Zusammenhang stehen, zu Schaden und sogar zu Tode kommen als durch das eigentliche Virus. Angst ist zwar keine Krankheit, aber eine Ursache für Krankheit..

Angst macht bissig
Angst senkt natürlich auch die Schwelle der Reizbarkeit. Die Menschen werden bissiger, unterschwellig vorhandene Konflikte brechen mit unerwarteter Intensität aus. Die Auswirkungen zeigen sich, wo immer Menschen zusammenkommen, besonders dramatisch aber in Familien.

Angst macht uns krisenuntauglich
Angst beschränkt unseren Blickwinkel und unsere Handlungsmöglichkeiten. Sie katapultiert uns heraus aus unserer Mitte, und damit aus unserer Liebe und unserem Mitgefühl. Aus unserer Intelligenz und Kreativität. Aus unserer Würde und Selbstachtung. Aus all den Fähigkeiten, die uns, als der Mensch, der wir sind, ausmachen. Sie macht uns daher unfähig, mit Krisensituationen bestmöglich umzugehen. Angst produziert Fehler. Im Zustand von Angst neigen wir dazu, die falschen Dinge zum falschen Zeitpunkt auf die falsche Weise zu tun. Insofern ist Angst gesundheitlich, sozial, organisatorisch und wirtschaftlich gefährlich. Gerade in einer Krise, wenn es besonders darauf ankommt, das Richtige in der richtigen Weise zu tun, ist Angst der schlechteste Ratgeber.

Wenn Angst zur Seuche wird
Zur Seuche entwickelt sich Angst dann, wenn sie von mehreren Menschen geteilt wird. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Aber geteilte Angst ist zehnfache Angst. Die gemeinsame Angst verstärkt die persönliche wie eine Lautsprecheranlage. Mit seiner persönlichen Angst umzugehen, das ist wohl für jeden Menschen Alltag. Aber die Wucht der Angst einer Gruppe, oder sogar großer Teile der Bevölkerung aufzufangen und dabei die eigene Ruhe und Selbstsicherheit zu bewahren, das bedeutet eine gewaltige Herausforderung.

Zur Seuche entwickelt sich Angst dann, wenn sie von mehreren Menschen geteilt wird. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Aber geteilte Angst ist zehnfache Angst. Die gemeinsame Angst verstärkt die persönliche wie eine Lautsprecheranlage.

Angst ist übertragbar
Niemand möge sagen, die Angst der anderen ginge ihn nichts an! Angst überträgt sich wie das Coronavirus. Schlimmer noch: Sie überträgt sich ohne Händeschütteln, ohne Küsschen, ohne Tröpfchen, ohne Worte, ja, ohne uns gegenseitig ins Gesicht zu sehen. Ähnlich wie in mittelalterlichen Malereien die Pest als eine dunkle Wolke dargestellt wurde, die einen unversehens einhüllt, so beschleicht uns auch die Angst nicht nur aus unserem Inneren sondern auch aus der Außenwelt. Wir sitzen nicht, wie der kleine Prinz, jeder allein auf unserem Planeten. Wir haben Wirkung aufeinander.

Das Pulverfass
Kollektive Angst kann eine gesellschaftliche Krise auslösen in einer Dimension, dass sie unsere Corona-Krise zu einer Nebensächlichkeit geraten lässt. Ein Kollektiv von Menschen, die ihre Selbstkontrolle und Selbstverantwortung über Bord geworfen haben, gleicht einem Pulverfass. Wenn da ein Funke überspringt, nicht auszudenken, was dann passiert. Dann sind alle Schleusen geöffnet, dass die dunkelsten Seiten des Menschen zutage treten und alles vernichten können, was jemals einen Wert dargestellt hat.

11. Dezember 2019