Inspiration

Willkommen beim Burning Man

Es ist das verrückteste Festival der Welt inmitten der Wüste Nevadas, dauert acht Tage und ist ein Utopia der radikalen Selbstdarstellung.

JESSICA JANE SCHRECKENFUCHS14. Februar 2017 No Comments

Es ist heiß hier. Sehr heiß. Eine Mischung aus trockenem Wüstensand und Schweiß liegt in der Luft, während sich die Sonne von Nevada aufmacht, um langsam hinter den Bergen zu verschwinden. Immer mehr Menschen erreichen das Festivalgelände, diese eigens errichtete Stadt der Inspiration mit kompletter Infrastruktur und eigenem Spital, mitten im Wüstensand der Black Rock Desert. Wer zum ersten Mal da ist, verliert seine Jungfräulichkeit – und die spannendste und verrückteste Woche seines Lebens  beginnt. „Willkommen! Hier darfst du so sein wie du bist!“, begrüßt James, Mitte 20 und bis auf einen Cowboyhut splitternackt, die Neuankömmlinge und drückt sie fest an sich.

Eine rothaarige ältere Frau, Catherine, die sich gerade auf einen Wüstensturm vorbereitet, sitzt im Sand und rückt ihr kurzes weißes Spitzenkleid zurecht, während eine nackte Frau mit rotem Regenschirm an ihr vorbeitanzt: „Es ist fabelhaft. Du bist an diesem besonderen und tollen Ort, es brennt die Sonne auf dich herab, und auf einmal befindest du dich mitten in einem Wüstensturm, wo plötzlich aus dem Nichts eine nackte Silhouette auftaucht.“ Vielleicht Einbildung, vielleicht Realität. So genau kann man das hier nie sagen, auch nicht, auf welcher Art Trip sich hier jemand gerade befindet.

BURNING MAN IST DER ORT, UM HERAUSZUFINDEN WER DU WIRKLICH BIST.
DU KANNST AN EINEM KAMASUTRA-WETTBEWERB TEILNEHMEN ODER
AN EINEM BASTEL-WORKSHOP, WO MAN MIT
SEINEM GESCHLECHTSTEIL PERSÖNLICHE KARTEN 
BEDRUCKT.

Catherines Blick wandert weiter zu einem Pärchen, das um einen riesigen vorbeifahrenden Teddy­bären tanzt. Daneben steht ein überdimensionaler ausgehöhlter Fischkörper aus Metall. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zum heiligen hölzernen Tempel. So wie die anderen tausend Kunstkörper, die dem Teddybären folgen, auf der Suche nach Liebe, Freiheit und Verbundenheit.  Burning Man ist eine völlig neue Welt, eine Antithese zu unserer kommerzialisierten Gesellschaft, wo Geschlechtergrenzen ebenso wie sexuelle verschwimmen. Geld ist verpönt, Werbung verboten. Wer hier ist, will sich inspirieren lassen. Zeig dein Ich, ohne Rücksicht auf irgendwas oder -wen. Lass dich gehen. Das ist hier die Botschaft.

„Eine Stadt in der Wüste. Eine Kultur voller Möglichkeiten. Ein Netzwerk von Träumenden und Schaffenden“, schwärmt Catherine, die aus Los Angeles kommt und in der Filmbranche arbeitet.

Sie streichelt ihr weißes Spitzenkleid und zupft sich ihren überdimensionalen Blumenkranz zurecht, den sie sich aufgesetzt hat. Es ist ihr persönliches Symbol des Nonkonformismus. Völlige Nacktheit ist ihr „eine Spur zu viel“. Wenn der Sandsturm vorbei ist, wird Catherine den tanzenden nackten Menschen folgen, um gemeinsam ihre Mission zu erfüllen: ein bisschen Asche und Liebe zu versprühen.

Acht Tage lang ist die Wüste von Nevada, zwei Autostunden nördlich von Reno, jedes Jahr Schauplatz des verrücktesten, spannendsten und gleichzeitig inspirierendsten Festivals der Welt. Rund um Labor Day, am ersten Wochenende des September, pilgern 60.000 Menschen — die „Burners“ — aus den USA und der restlichen Welt in das Niemandsland im Wüstensand. Seit Larry Harvey das Festival 1986 aus Liebeskummer erstmals mit 20 Teilnehmern am Baker Beach in San Francisco veranstaltete, ist aus Burning Man eine Bewegung geworden. „Wenn du nie da warst, kapierst du’s einfach nicht“, weiß Tesla-Gründer Elon Musk. „Nimm die verrückteste Party von L. A. und multipliziere sie mit Tausend, das kommt nicht einmal annähernd an das heran, was du hier erlebst.“ Und Google-Gründer Larry Page schwärmt: „Burning Man bietet ein Umfeld, wo Menschen Verschiedenes ausprobieren können, ohne Zwänge.“

Selbstinszenierung ist am Burning Man Pflichtprogramm.

Manche übertreiben es auch. Im Vorjahr ließ sich ein Silicon Valley-Milliardär die Party 16.500 Dollar pro Gast kosten: er flog eine Band, Models, Köche und DJs ein und baute ein Luxuscamp in die Wüste. Burning Man wird von manchen als Networking-Event missverstanden. So senden bereits Tech-Magazine aus dem Valley ihre Reporter aus, um die Business-Seite des Festivals zu beleuchten. Dabei geht es hier um etwas ganz anderes. Das Festival hat die Stimmung des San Francisco der 1970er-Jahre reanimiert, wo Hippies, freie Liebe und Nacktheit zelebriert wurde.

Zwischen Ich-Verwirklichung, Bewusstseinsfindung und Selbstdarstellung begeben sich die Besucher auf einen intensiven Selbsterfahrungstrip jenseits aller Konventionen. Spontane Hochzeiten? Kein Problem. Rituelle Wiedergeburten? Alltagsprogramm. Am Burning Man ist alles möglich und nichts unmöglich. Wer also Lust auf einen der zahlreichen Kurse und Workshops hat, kann unter anderem an einem Kamasutra-Wettbewerb, einem Kurs über die Erkundung des weiblichen Orgasmus oder an einem Bastel-Workshop teilnehmen, wo man mit seinem Geschlechtsteil persönliche Karten bedruckt.

Und was kostet der ganze Spaß? Nichts bis auf das Eintrittsticket, das derzeit 390 US-Dollar kostet. Eines der zehn Gebote am Burning Man ist das Prinzip des „Giftings“, des Gebens und Schenkens. Wer auf dem Event etwas haben möchte, gibt im Gegenzug etwas. Was das genau ist, kann frei gewählt werden und liegt im eigenen persönlichen Ermessen. Rund eine Woche lang wird die „Playa“, das Land, auf dem das Burning Man abgehalten wird, in eine schrille Stadt aus Kunst, Illusionen und kreativem Wahnsinn verwandelt – gelebt in einem Utopia frei von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen. Das lockt nicht nur spirituelle Freigeister an, sondern auch Celebrities, kreative Köpfe und Unternehmer wie Amazon-Chef Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Google-Mitbegründer Larry Page. Auch AirBnB-Chef Chip Conley ist ein alteingesessener Burner.

Bereits 2004 fuhr Tesla- Gründer Elon Musk mit seinen Cousins Lyndon und Peter Rive auf das legendäre Festival auf der Suche nach Inspiration und Erleuchtung. Zwischen Kunst, Hippies und nackten Körpern machte Musk seinen Cousins den Vorschlag, in Solarenergie zu investieren. Anstatt sich auf den nächsten bunten Trip einzulassen, kreierten sie gleich eine neue Geschäftsidee. Die Solarstrom-Firma Solar City war geboren.

„Burning Man ist ein Festival, bei dem jede Sorte Mensch zusammenkommt“, weiß Schauspielerin Susan Sarandon. „Es geht um die Verbindung zueinander und darum, jeden Menschen zu akzeptieren. Und natürlich geht es auch um Drogen und Nacktheit.“ Burning Man steht aber nicht nur für krea-tive Körperkunst, sondern vor allem auch für ausgefallene Fortbewegung. Neben künstlerisch umgemodelten Fahrrädern bauen viele auch ihre Fahrzeuge fantasievoll um und machen daraus sogenannte Art Cars oder Mutant Vehicles.

Der überdimensionale Teddybär, den Catherine in ihrer Séance verfolgt, ist nur einer von vielen Art Cars. Wer es lieber extravaganter mag, klettert einfach auf das Piratenschiff, die Riesenrakete oder das zehn Meter lange Einhorn. Wer es wie Katy Perry mag, rollt einfach mit seinem Segway durch die Wüste und genießt die Szenerie. Catherine hat genug gesehen. Der Sandsturm hat sich verzogen und lässt nach und nach mehr skurrile Bilder durch. Jetzt beginnt die tanzende Nudistenparade zum meditativen Klang orientalischer Trommler. Catherine macht sich auf den Weg zum hölzernen Tempel. Mal sehen, wohin der Weg sie führt.