Inspiration

Wire Train: Zwischen zwei Welten

Für deutschsprachige Künstler waren die USA immer das gelobte Land. Jeder Musiker träumte davon, nur einmal in seinem Leben in den Staaten Songs aufzunehmen oder Konzerte zu geben – kaum einer schaffte es. Was in aller Welt trieb 1985 die kalifornische Kultband Wire Train – damals als US-Antwort auf U2 gehandelt – dazu, ausgerechnet im verschlafenen Wien ein Album aufzunehmen? Über dreieinhalb Jahrzehnte später erinnern sich Sänger Kevin Hunter (Bild), Produzent Peter Maunu und Bassist Anders Rundblad für OOOM an eine verrückte Zeit: die wilden Nächte im Kultclub U4, die Freundschaft mit Falco, das Apartment in der Gumpendorfer Straße, die Wienerin, in die sich Hunter verliebte – und welche Rolle André Heller bei all dem spielte.

GEORG KINDEL28. Mai 2021 No Comments

Die Zeit: Zwei Monate in Wien. Fast zwei Monate lang waren Wire Train in Wien. Anders Rundblad flog danach nach Schweden zu seinen Eltern, der Rest der Band zurück nach Kalifornien. Von New York aus übernahm Columbia Records die Promotion für das Album. Zwei Songs – „Last Perfect Thing“ und „Skills Of Summer” – wurden neu abgemischt: „Sie haben mehr Geld für diese Remixes ausgegeben als für das ganze Album in Wien“, ärgert sich Kevin Hunter heute noch.

Das Album: Ein Erfolg, aber kein Hit. Das Album verkaufte sich in den USA gut, wurde aber kein Charterfolg. Wire Train sollten danach noch vier weitere Alben aufnehmen. „Wir erlebten die goldenen Tage des Musikgeschäfts“, sagt Anders Rundblad heute. „Wir waren erst bei Columbia Records und dann bei MCA unter Vertrag. Columbia verdiente mit Michael Jackson und den Rolling Stones so viel Geld, dass sie dieses für irgendetwas rauswerfen mussten. Also nahmen sie haufenweise junge Bands wie Wire Train unter Vertrag, bezahlten Tour-Busse, den Support, alles. Ich glaube nicht, dass irgendeine Band diese Art von finanzieller Unterstützung von der Plattenfirma heute noch bekommen könnte.“

„Ich denke, dass weniger gute Alben erfolgreicher waren“, resümiert Kevin Hunter heute. „Ich glaube, es gehört eben eine Menge Magie dazu, etwas erfolgreich zu machen. Wire Train haben nie zwei Alben aufgenommen, die gleich klangen.“ Dass „Between Two Words“ ein grandioses Album wurde, sei Produzent Peter Maunu zu verdanken: „Wenn wir im 13. Jahrhundert leben würden, wäre Peter ein Mönch. Er hat Hingabe und seine göttliche Musik.“

Wire Train heute: Was Hunter, Rundblad & Co. machen. 2009 kam die Band für drei Konzerte in San Francisco nochmals zusammen: „Es waren eine Menge Leute da, auch unsere ganzen Familien, die uns zum Teil noch nie live spielen sahen“, so Hunter. Anders Rundblad spielte nach Wire Train eine Zeit lang mit Sheryl Crow und machte dann Karriere als Set Decorator im Filmgeschäft. Er baut Kulissen für TV-Shows, Serien und Filme, darunter „Being John Malkovich“, „Adaptation“ mit Nicolas Cage und „CSI: Miami“. Schlagzeuger Brian McLeod kaufte ein paar Häuser am Big Bear Lake, einem See und Skigebiet in den kalifornischen San Bernardino Mountains. Er spielte auf Hunderten Alben und gilt als einer der besten Drummer der Welt. Gitarrist Jeffrey Trott lebt in Nashville in der Nähe von Sheryl Crow, für die er die meisten Songs geschrieben hat. Kevin Hunter arbeitete vier Jahre lang als Designer und wechselte schließlich als Autor zu Hammstein Music Publishing und Bucks Music. Er schrieb die Musik für die MTV-Show „Pranked“ und gründete mit Partnern vor sieben Jahren die Electronic Media Games Firma BlinkGame in Los Angeles. In seiner Freizeit repariert er alte Porsches und hat auch eine neue Band, Flat Four: „Die Jungs von Flat Four sind alle Typen, die Porsches aus der Zeit vor 1973 haben. Die frühen Motoren sind Vierzylinder-Boxermotoren, also Flat Four.“

36 Jahre später blickt Hunter auf eine verrückte Zeit zurück, die sein Leben prägte: „Ich hatte vor allem unglaubliches Glück, mit diesen fantastischen Musikern spielen zu dürfen.“ Es gehe nicht immer darum, ob Musik kommerziell erfolgreich ist. Man kann auch ohne großen kommerziellen Erfolg zu haben einflussreich sein. Kevin Hunter greift zur Gitarre: Er spielt „Last Perfect Thing“, den größten Hit der Band. Die Stimme wirkt älter, reifer, aber hat noch immer ihr ganz eigenes Timbre: „Wow! Als 62-Jähriger kann ich mir nicht vorstellen, dass mein 25-jähriges Ich solche Melodien und Texte geschrieben hat.“ Kevin Hunter lächelt. „Die Idee, dass man eine Platte macht, all seine Sehnsüchte und Hoffnungen hineinsteckt und über 35 Jahre später ruft mich ein Journalist aus Wien an, um mit mir darüber zu sprechen – das ist eine tolle Geschichte …“

Fotos Rainer Hosch

28. Mai 2021