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Wohntrends der Zukunft

Wie werden unsere Häuser, Wohnungen und Städte der Zukunft aussehen? Durch die wachsende Weltbevölkerung verkleinert sich der uns zur Verfügung stehende Wohnraum. Nicht nur, dass es immer mehr Menschen in die Großstädte zieht, Architekten werden durch das kontinuierliche globale Bevölkerungswachstum vor neue Herausforderungen gestellt. Bis 2050 soll die Weltbevölkerung auf knappe 10 Milliarden Menschen anwachsen. Dabei sind China, Indien und die USA die Länder mit der größten Bevölkerungsdichte in den städtischen Ballungszentren. Im Jahr 1950 waren rund 25 Prozent der weltweiten Bevölkerung in Großstädten angesiedelt. 2050 soll dieser Prozentsatz auf 75 Prozent anwachsen.

Christina Zappella-Kindel31. Juli 2018 No Comments

Holz – die Bauressource der Zukunft

Erwin Thoma, der Holzbaupionier aus Österreich, ebnete den Weg des Holzhäuserbauens. Er zeigte auf, wie man Häuser komplett aus Holz bauen kann und machte damit diesen nach- wachsenden Rohstoff als wichtigste Bauressource salonfähig. Der Ansatz zum kreativen und nachhaltigen Bauen mit Holz hat sich mittlerweile bei mehreren Architekten und Projekten in vielen Ländern etabliert. Der LifeCycle Tower im österreichischen Vorarlberg, kurz LCT One, ist das erste energieeffiziente Bürohochhaus-Projekt, das mit Holz und Beton arbeitet. Dieser achtstöckige Wolkenkratzer zeigt, dass mit Holz auch mehrstöckige Baukomplexe geschaffen werden können. Die komplexe Aufgabenstellung, den Brandschutzauflagen zu entsprechen, ist hier gelungen. Der LTC One ist der erste Wolkenkratzer die- ser Art, der obendrein durch seine Bauweise den CO2-Ausstoß reduziert.

Die schwedischen Architekten Olof Grip und Josef Eder arbeiten an einem Hochhausprojekt, welches zur Gänze aus Holz bestehen soll. Das sogenannte „Cederhuset“, ein Zedernhaus, soll das höchste Holzhaus der Welt werden. In Anbetracht der großen Holzvorkommen in Schweden kein Problem. 120 Wohnungen soll das Holzhaus beherbergen, auf insgesamt 13 Stockwerken. Und auch in Wien soll ein innovatives Holzhausprojekt verwirklicht werden. In der Seestadt Aspern plant Immobilien-Investor Günter Kerbler ein Holzhochaus, das zu 3⁄4 aus Holz bestehen soll. Das „HoHo Wien“ soll ein über 80 Meter hoher Hybridhaus-Koloss werden und bis 2018 fertig gestellt sein. Ein weiteres spannendes Holzbauprojekt, das auch hier wieder vor den Herausforderungen der Brandschutzbestimmungen steht.

Wohnen und Arbeiten im Baumstamm

Schon 1982 sprach die WHO (Weltgesundheitsorganisation) vom „Sick Building Syndrom“, wenn bei 10 bis 20% der Bewoh- ner eines Gebäudes unspezifische Beschwerden auftreten. Die Symptome können von Übelkeit, Schlaflosigkeit, Allergien und Atembeschwerden bis zu Krebserkrankungen reichen. Schad- stoffe in der Innenraumluft, verursacht durch die Ausdünstun- gen von Leimen, Teppichklebern und Möbellacken, werden unter anderem dafür verantwortlich gemacht. Der Gesetzgeber setzt auf Schadensbegrenzung durch CE-Kennzeichnung von Baumaterialien und verbesserte Lüftungstechnik. Doch wie wäre es, beim Bauen von Anfang an auf Giftstoffe zu verzichten? Ein kompletter Bau aus Holz ermöglicht diese positive Ver- änderung des Raumklimas.

Büroluft wie im Wald

Den Bewohnern des neuen Wohn- und Bürogebäudes im Schweizer Zweisimmen geht es gut. Sie leben und arbeiten ohne belastende Innenraumluft. Sascha Schär von N11 Architekten GmbH war durch ein Buch von Erwin Thoma auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht worden, Häuser rein aus Holz – ohne Leim und Nägel – zu bauen. Holz100 heißt das Weltpatent, das der österreichische Unternehmer und Förster Thoma im Jahr 1998 anmeldete. Er hatte die Erfindung eines Nachts bis ins Detail geträumt und hernach den Mut gefasst, seine Vision in die Tat umzusetzen. Heute baut er seine Dä- cher, Wände und Decken aus einem einzigen Material: Holz aus nachwachsenden Wäldern. Holz, das bei abnehmendem Mond in den Wintermonaten geerntet wird. Denn dadurch erlangt es eine viel bessere Widerstandkraft gegen schädigende Insekten und Feuchtigkeit Holz100-Elemente werden im Werk durch mehrere Lagen Holzbretter vorgefertigt und dann mittels stark vorgetrockneter Buchendübel verbunden. Durch die Restfeuchte in der Konstruktion quellen die Dübel wieder auf und verbinden die Bretter zu „bombenfesten“ Elementen. Diese Konstruktion hat hervorragende Eigenschaften bezüglich Wärmedämmung, Hitzeschutz, Brandsicherheit und Strahlenschutz. Gleichzeitig entsteht in einem Holz100-Haus ein einzigartiges Wohnklima, ein Lebensgefühl „wie im Wald“. 2011 wurde Thoma für seine Bauweise übrigens als weltweit einziger Bausystemhersteller mit dem Öko- label Cradle-to-Cradle Gold ausgezeichnet.

Solares Direktgewinnhaus

Zurück nach Zweisimmen: Von weitem schon sieht man das Gebäude wie einen großen Baumstamm aus der Landschaft ragen. Besonders originell gestaltet sich die Fassade. Um die Baumstämme möglichst als Ganzes zu verwerten und unnötigen Abfall zu vermeiden, entschlossen sich die Bauherrn, die Holzschwarten (äußerste Schicht des Stammes) als Fassadenelemente einzusetzen. Dahinter befindet sich eine 2 cm-Weichfaserplatte, 6 cm Flachsdämmung und dann das 30,6 cm dicke Holz 100 Thermo-Wandelement. Dieses alleine hat einen zertifizierten Wärmeleitkoeffizienten mit Lambda 0,079W/mK, das ist der Weltrekord unter allen tragenden Baustoffen. Es war erklärtes Ziel der Bauherren, ein Haus ohne Heizung zu realisieren und gleichzeitig – im Gegensatz zum üblichen Passivhaus – auf wartungsintensive und teure Haustechnik zu verzichten. Die guten Eigenschaften der verwendeten Baumaterialien (Holz, Lehm,…) erlauben es, ohne künstliche Entlüftung und zusätzliche Gebäudetechnik auszukommen. Nach dem Ein Haus ohne Motto „weniger ist mehr“ zeigt das Pilotprojekt, dass ökologisches Bauen auch ohne Mehrkosten funktionieren kann – vorausgesetzt es wird klug geplant. Sehr erfreulich für die Umwelt und die eigene Brieftasche ist auch, dass sich die Bauteile am Ende ihrer Lebensdauer wieder in natürliche Kreisläufe integrieren lassen (Cradle-to-Cradle), ohne hohe Entsorgungskosten und Sondermüllabgabe. Doch wie funktioniert ein Haus ohne Heizung? Der Energieeintrag in ein Gebäude kann prinzipiell durch konventionelle Heizwärme erfolgen, aber auch durch die Abwärme von Personen, Beleuchtung, Haushaltsgeräte und das Nutzen der passiven Sonnenenergie. Für letzere ist es nötig, dass genügend Baumasse vorhanden ist.

Diese absorbiert die Solarstrahlung, speichert sie und gibt sie dann bei Bedarf als Raumwärme wieder ab. Der Effekt ist in jeder Jahreszeit angenehm, wärmend im Winter und kühlend im Sommer. Für genug Speichermasse sorgt beim Haus in Zweisimmen neben der gewählten Massivholzbauweise eine zusätzliche Schicht Stampflehm auf den Holz-Betonverbunddecken. Nach Fertigstellung wurde die Temperatur im Gebäude ein Jahr lang genauestens aufgezeichnet. Sascha Schär, Architekt und Bauherr, ist glücklich: „Es ist für uns eine große Befriedigung in diesem Haus zu wohnen und zu arbeiten. Die Atmosphäre entspricht ganz unseren Vorstellungen. Das Gebäude zeigt als Start Up- Projekt unsere Firmenphilosophie und wir haben auch von der Fachwelt bis jetzt nur positive Rückmeldungen bekommen.“

Vertikal bauen mit Holz

Noch sind mehrgeschoßige Holzbauten bei uns selten zu finden. Gewöhnlich zweifelt man an der Brandsicherheit. Dabei ist diese bei Holz100-Wänden sogar deutlich besser als bei Stahlbetonbauten! Versuchsreihen zeigen, dass einer Holz100- Wand selbst bei 150 Minuten Beflammung mit 900 Grad Celsius ihre statische Tragfähigkeit behält. Hier gilt es Bewusstsein zu schaffen für die tollen Eigenschaften dieses heimischen, nach- wachsenden Baustoffs! Den N11 Architekten brachte die Mehrgeschoßigkeit ihres Gebäudes einen entscheidenden Vorteil: Die Grundfläche konnte dafür sehr klein ausfallen. Als Bauplatz wählte man einen brach liegenden Zwischenraum im Gewerbegebiet aus. Hier durfte laut Bauordnung bis zu 16 m hoch ge- plant werden. Die fortschreitende Zersiedelung der Landschaft ist besonders in der kleinen Schweiz ein heikles Thema und die Architekten sind stolz, dass für ihren Neubau in Zweisimmen kein wertvolles Kulturland geopfert werden musste. Dem vertikalen Bauen mit Holz steht eine große Zukunft bevor. Im österreichischen Leogang wurde der europaweit erste 7-geschoßige Hotelbau ganz aus Holz100-Elementen realisiert . Beim ersten Bauabschnitt 2008 plante man noch eine Heizung ein. Durch die exzellenten Wärmedämmeigenschaften der Konstruktion stellte sich diese aber bald als viel zu leistungsstark für das Gebäude heraus. Daher verzichtete man beim Erweiterungsbau 5 Jahre später auf eine weitere Heizung. Die kleine Anlage des ersten Hotelabschnitts bedient jetzt den Neubau mit, inklusive Mitarbeiterhaus und Schwimmbad am Dach.

31. Juli 2018