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Wolf D. Prix – der Himmelsstürmer

Wolf D. Prix, mit seinen Partnern als Coop Himmelb(l)au Weltstars der Architektur, baute die EZB in Frankfurt, die BMW-Welt in München und das Musée des Confluences in Lyon. Im OOOM-Gespräch mit Gerald Matt erzählt er über die Kompromisslosigkeit seiner Arbeit, die Zwergpudelmentalität der Österreicher — und was sie mit den Rolling Stones gemein haben.

Gerald Matt23. März 2017 No Comments

Sie gelten als Weltstar der Architektur. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, erfolgreich zu sein ?
Nie.

Im Frühjahr 2015 wurde die EZB in Frankfurt eröffnet, eine Kathedrale des Geldes, das größte und teuerste Gebäude, das Sie je gebaut haben. Ein Riesenerfolg, aber auch ein Gebäude, das Protest auslöste. Ein Pyrrhussieg fur einen Revolutionär?
Ich stand zum ersten Mal auf der anderen Seite des Zauns, aber der Protest richtete sich nicht gegen die Architektur, sondern gegen die Politik der Banken.

Hatten Sie trotzdem Bauchweh?
Nein, überhaupt nicht.

Kann man alles für jeden bauen oder gibt es klare Grenzen für Sie?
Man, oder besser ich, kann nicht alles bauen, nicht fur jeden: kein Gefängnis, keine Militäranlagen, kein Kernkraftwerk. Aber ich kann für jeden bauen, der sich unsere Art zu bauen wünscht. Es ist reine Doppelmoral, wenn man in China wegen der Regierung nicht baut. Es kommt immer darauf an, was man baut. Brunelleschi (Anm.: Filippo Brunelleschi, einer der führenden italienischen Architekten der Frührenaissance) hat wunderbare Bauten für die Kirche gebaut, das wohl autoritärste System überhaupt. Er hat aber nicht das System legitimiert, sondern die Architektur. Was sich aber in China zu bauen verbietet, ist „chinesische“ Architektur, denn das wäre die wahre Verbeugung vor dem System.

Coop Himmelb(l)au hat  den Ruf, Enfant terrible zu sein. Radikalität und Kompromisslosigkeit sind Ihre Haltung und Losung bis heute. Muss gute Architektur so sein — und kann sie dies bei Großprojekten und deren politischen und wirtschaftlichen Auflagen überhaupt noch sein?
Ja . Auch große Bauten, so  wie wir sie entworfen und gebaut haben, müssen diesen Ansprüchen genügen, dies dauert manchmal kürzer, manchmal länger und hat mit der unsichtbaren Architektur zu tun. Denn Architektur gleicht einem Eisberg: Drei Zehntel nur sind sichtbar, der gefährliche Teil ist unsichtbar. Das sind die Politik, die Ökonomie, Regeln und Klischees und insbesondere der Unwille mancher Auftraggeber. Die Arbeit an dieser unsichtbaren Architektur und an der Überwindung der Widerstände ist wesentlicher Teil von Architektur. Geradezu für infam halte ich aber die zunehmenden Kostenvorhalte und -vergleiche bei Kulturbauten durch die Politik. Mein Musée des Confluences in Lyon hat nur eineinhalb Mal so viel gekostet wie ein Eurofighter. Geld für Kultur ist ein Problem, fur Waffen aber keines. Das ist der Skandal.

Mit dem Doppelturm für die EZB haben Sie ein signifikantes Zeichen in Frankfurt gesetzt. Müssen  gute Gebäude auch spektakulär sein?
Nur Gegner nennen unsere Architektur spektakulär. Um was es geht und was wir erschaffen, sind merkbare Ikonen im Angesicht der Stadt.

Zu Ihren Signaturbauten gehören Großprojekte wie die BMW-Welt in München, der UFA-Kristallpalast in Dresden, das Busan Zentrum in Südkorea, das Dalian Conference Center in China, das Musée des Confluences und nun die EZB in Frankfurt. Was ist ihnen gemeinsam, was macht ihre Qualität aus?
Gemeinsam ist ihnen — und das ist auch ihre unbedingte Qualität — die Verbindung von privatem und öffentlichem Raum. Das gilt auch für die EZB, nur ist es dort durch die Sicherheit limitiert. In Lyon funktioniert es wunderbar,mehr als 800.000 Besucher kamen allein im ersten Dreivierteljahr.