Arts & DesignMagazin

Wolf D. Prix – der Himmelsstürmer

Wolf D. Prix, mit seinen Partnern als Coop Himmelb(l)au Weltstars der Architektur, baute die EZB in Frankfurt, die BMW-Welt in München und das Musée des Confluences in Lyon. Im OOOM-Gespräch mit Gerald Matt erzählt er über die Kompromisslosigkeit seiner Arbeit, die Zwergpudelmentalität der Österreicher — und was sie mit den Rolling Stones gemein haben.

Gerald Matt23. März 2017 No Comments

Modelle seiner vielfältigen Entwürfe. (Foto: Stephan Doleschal)

Gibt es so etwas wie Ihren wichtigsten Bau, ein Bau, mit dem Ihnen der internationale Durchbruch vielleicht gelungen ist?
Das kann ich nicht sagen, unsere  Bauten funktionieren so gut, wie sie gedacht und geplant wurden, jeder unserer Bauten ist mir der wichtigste.

Ist es Ihnen recht, wenn man Sie einen Künstlerarchitekten nennt?
Heute ist das ja schon fast abwertend, aber ja, ich finde das richtig und ich bin stolz darauf. Teile meiner Architekturen und Arbeiten sind Plastiken, Großplastiken, die innen und außen, Privates und Öffentliches verbinden.

Können Sie etwas zu Ihrem familiären Hintergrund sagen? War Architektur ein Thema zuhause?
Selbstverständlich, mein Vater war Architekt. Ich bin im Architekturbüro meines Vaters aufgewachsen und bin dann irgendwie in meinem eigenen gelandet. Aber richtig  bewusst wurde mir, dass ich Architekt werden wollte, nachdem ich  das Kloster Sainte-Marie de La Tourette  von Le Corbusier gesehen habe. Die Räume faszinierten mich, organisch geformt, statt Fenster, setzte Corbusier Röhren für das Licht ein. Und ich wusste, wenn das Architektur ist, dann will ich Architekt werden.

Wie kam es zum Namen Coop Himmeb(l)au, warum Baukooperative, warum Himmelb(l)au? Da gibt es unterschiedliche Gründungsmythen.
Erstens wollten wir einen Gruppennamen, so wie die Beatles und Rolling Stones einen hatten. Und wir wollten bauen, zusammen bauen, zusammen Ideen entwickeln und realisieren. Himmelb(l)au ist keine Farbe, sondern bedeutet  Veränderung. An Veränderung arbeite ich noch heute. Ohne Veränderung gibt es keinen Fortschritt. Und wer nicht fortschreitet, stirbt. Aber das kommt vom Erwin Ringel und damit spricht er ein elementares gesellschaftliches Problem an. Zur Namenseingebung, ein Mythos: Wir saßen im Flugzeug von Spanien nach Wien und beschlossen, eine Gruppe zu gründen. Ich hab damals „Hamlet“ gelesen. Da gibt es die Szene, in der Hamlet zu Polonius sagt: „Seht Ihr die Wolke dort, beinah in Gestalt eines Kamels?“ Sogleich verbessert er sich: „Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Krokodil.“ Und dann: „Oder wie ein Walfisch?“ Es geht also um die Veränderbarkeit der Wolken. Und beim Fliegen ist der Himmel dunkelblau — ein herrliches Blau! Ich sah aus dem Fenster, es gab eine einzelne Wolke, ganz nah zum Flügel. Und die veränderte sich. Wir wollten Architektur wie Wolken bauen, uns aber nicht „Wolkenbauer“ nennen, daher „Himmelb(l)au“. Das ist aber, wie wir es formulierten, „keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Phantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen“.

Warum das „l“ in der Klammer?
Ganz einfach, weil wir inzwischen bauen…

Was wollten Sie damals erreichen? War da das Ziel, die Welt zu verändern und kann Architektur das überhaupt?
Radikal, ja und zwar sofort, das wollten wir. Die Welt verändern, das ist immerhin einen Versuch wert. Was
Architektur jedenfalls kann, ist eine Veränderung im visuellen Verhalten der
Menschen zu erreichen.

Damals galt der Slogan: Alle Macht  der Phantasie. War es damals leichter Visionen zu haben und sie zu realisieren?
Haben ja,  realisieren nein.

Wie geht es Ihnen mit Bauherren und deren ökonomischen Zwängen und persönlichen Vorurteilen? Ist der Bauherr mehr Verbündeter oder Feind?
Vorweg: Bauherrn gibt es nicht mehr — und das ist gut so. Heute gibt es Auftraggeber und Architekten und die dürfen, wenn gute Architektur entstehen soll,  sich  nicht auseinanderdividieren lassen. Das müssen Teamplayer sein,  wie beim Fussball. Gute Architektur ensteht nur, wenn das Team passt und zusammenspielt. Fussballstrategien ähneln sehr der Architekturentwicklung. Und da ist der FC Barcelona mit Pep Guardiola  das Vorbild.

23. März 2017