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Wolfgang Stabentheiner: Loslassen – Ausmisten

Der Jahreswechsel ist die ideale Zeit, um sich mancher Gewohnheiten zu entledigen, die uns beeinträchtigen. Wir müssen uns leer machen für Neues – nicht nur mental, sondern auch von äußeren Dingen. Wenn man sich selbst die richtigen Fragen stellt, kann dies ganz einfach sein. So machen Sie inneres und äußeres Loslassen zum Bestandteil Ihres Lebens.

Wolfgang Stabentheiner5. Dezember 2018 No Comments
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Romano ist ein sehr wohlhabender Mann. Er hatte im Zentrum von Rom eine Wohnung gekauft, um seine Tausende Bücher umfassende Bibliothek unterzubringen. Er war sehr stolz auf seine Bücher. Und er hatte sie alle gelesen. Mehr noch, er wusste nicht nur auf Anhieb, in welchem Regal er nach welchem Buch greifen musste, er wusste sogar, was in welchem Buch drinnen steht. Ich hatte das Vergnügen, Romano über einige Jahre als Coach zu begleiten. Im Zuge dieses Prozesses hatte er sich so mancher Gewohnheiten entledigt, die ihn beeinträchtigten, und in einem hohen Maße zu innerer Freiheit gefunden. Er hatte viele von diesen alten Bildern über sich, andere und das Leben losgelassen, die ihn daran hinderten, ein authentisches, seinem Wesen entsprechendes Leben zu führen.

Eines Tages rief er mich an, er bräuchte mich eine Woche lang. Er habe sich nun im Zuge unseres Coachingprozesses von so vielen inneren Lasten befreit, nun wolle er sich auch aller äußeren Dinge entledigen, die nicht zu seinem richtig guten Leben beitragen. Es waren ja nicht nur Bücher, die Romano gesammelt hatte, auch alte Möbel von seinen Vorfahren, Kunstgegenstände aus aller Herren Länder, Unmengen an Schallplatten, auch Spielsachen seiner längst erwachsenen Tochter. Ich konnte nur drei Tage bei ihm bleiben. Aber in dieser Zeit übte er sich, jeden Gegenstand zu hinterfragen:

  • Ist es existenziell notwendig?
  • Wenn es das nicht mehr gibt, hat es Auswirkungen auf etwas, das mir wichtig ist?
  • Brauche ich das, um ein mir wichtiges Ziel zu erreichen?
  • Macht es mein Leben leichter, einfacher, wenn ich das besitze?
  • Macht es mich glücklich, das zu besitzen?
  • Hilft es mir als Ausdrucksmittel meiner selbst?
  • Erhält mein Leben irgendeinen Sinn dadurch, dass ich das besitze?

Das, wofür er kein ausreichend triftiges Ja zu zumindest einer dieser Fragen (bzw. ein Nein auf die zweite Frage) finden konnte, sollte er loswerden. Zum Schluss war seine Wohnung in der Innenstadt leer geräumt. „Jetzt, da sie leer ist, zeigt sie erst ihre wahre Schönheit. Wie auch mein Inneres – jetzt, da ich so viel an Ballast losgeworden bin, merke ich erst, wie viel an Kreativität, Erlebnisfähigkeit, Lebensfreude und Empathie in mir steckt“, staunte er. Auch in der Villa, die er mit seiner Frau bewohnte, war wieder Platz, sich frei zu bewegen. Und nachdem er auch sein Büro von altem Kram erleichtert hatte, könne er sich nun wieder neuen Ideen und Projekten zuwenden, meinte er zufrieden.

Völle ist Last, Beschwernis. Ich hatte großen Spaß dabei, Romano zu unterstützen, die Völle loszuwerden und Raum für seine Fülle zu schaffen. Völle ist Last, Beschwernis. Alles das, zu dem wir auf die obigen Fragen kein eindeutiges Ja geben können, ist nichts als Last und Beschwernis. Besitz kann sehr hinderlich sein, richtig gut zu leben. Ob es sich nun um mentalen Besitz, wie Denkmuster und Gewohnheiten, oder materiellen handelt, allzu leicht nimmt unser Besitz uns in Besitz, macht uns zu Besessenen. An meinem mentalen Besitz arbeite ich mittels Selbstcoaching ohnehin, wann immer etwas ansteht. Das ist eines der Privilegien meines Berufs.

Zum Ausmisten des materiellen Besitzes aber gab mir Romano einen starken Impuls. Seither nutze ich die Zeit rund um den Jahreswechsel dazu. Von der Religion her wäre ja der Advent dafür vorgesehen – sich leer machen für das Kommen des Erlösers. Bei mir geht’s halt immer erst nach Weihnachten. Mich leer machen für andere Menschen, mich leer machen, Neues zu entdecken, mich leer machen für die Zukunft, mich leer machen für die Inspiration, mich leer machen, richtig gut zu leben. Inneres und äußeres Ausmisten ist für mich ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens geworden.

Wolfgang Stabentheiner ist Begründer und Entwickler der FUTURE-Methode und beschäftigt sich mit Leadership und Zukunftsgestaltung.

www.future.at