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Wolfgang Stabentheiner: Wozu lachen?

Wenn’s ernst auch geht. Ich erinnere mich an eine Situation in der Schule, als man uns verboten hatte zu lachen. Was ist passiert? Es ist nach hinten losgegangen! Ein vollkommen unkontrollierbarer Lachflash erfasste die ganze Klasse, der durch die zwänglerische Ernsthaftigkeit des Herrn Professors ständig aufs Neue entfacht wurde, als gösse man Öl ins Feuer. Der Nachmittag, den wir wegen unseres Verhaltens nachsitzen mussten, der war den Spaß so was von wert. Selbst heute, 55 Jahre später, erinnere ich mich an dieses Ereignis als eines der Highlights meiner gesamten Schulzeit.

Wolfgang Stabentheiner8. Oktober 2019 No Comments
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Lachen tut so gut! Und Lachen ist bekanntlich gesund. Vor vielen Jahren verbrachte ich einige Zeit in Delhi. Unweit unserer Villa befand sich ein Park. Jeden Morgen, um exakt 5.00 Uhr, erschallte von dort ein derart durchdringendes Gelächter, dass ein Weiterschlafen unmöglich war. 20 Minuten, jeden Tag die gleiche Zeitspanne. „Lach-Yoga“ nennt man das, wie ich später erfuhr. Lungen muss dieser Mann gehabt haben wie eine Dampflokomotive! Und Muskeln im Solarplexus wie die Schrottpresse auf einem Autofriedhof!

Tatsächlich werden beim Lachen nicht nur Lungen und Muskeln trainiert, sondern auch die Zellen mit extrafri­schem Sauerstoff angereichert, der Stoffwechsel aktiviert, das Herz-Kreislauf-System angeregt, das Immunsystem gestärkt, die Gefäße erweitert, der Blutdruck gesenkt u. v. m. Lachen wird nicht umsonst als Medizin gepriesen.

„Wer morgens dreimal schmunzelt, mittags nicht die Stirne runzelt, abends lacht, dass alles schallt, der wird 100 Jahre alt.“ Diesen Spruch hat man uns als Kinder beigebracht. Er scheint tatsächlich seine Berechtigung zu haben. Ich nutze das Lachen mitunter, um zu entstressen: Der Druck war riesig, ein Schriftstück für einen Kunden fertigzukriegen. Ich war an der obersten Stufe der Stressleiter angekommen, musste ich doch zur bestimmten Zeit an einem 300 km entfernten Ort ein Seminar beginnen. Schließlich blieben mir genau zwei Stunden Zeit, um dorthin zu gelangen. Ich schwang mich in meinen BMW, raste, was das Zeug hielt – damals, vor 25 Jahren, war das noch möglich –, und kam auf die Minute pünktlich in dem Seminarhotel an. Relaxt und entspannt entstieg ich mit breitem Grinsen dem Auto und begann vergnügt mein Seminar. Ich hatte nämlich während der gesamten Fahrt durchgelacht – so laut, dass mir der Bauch wehtat.

Es gibt kein besseres Mittel zu entspannen als Lachen. Einerseits verlangsamt es die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol, andererseits fördert es jene von Glückshormonen wie Serotonin und Endorphin. „Worüber hast du denn gelacht?“, fragen mich meine Seminarteilnehmer immer, wenn ich ihnen diese Geschichte erzähle. Manche schütteln dann verständnislos den Kopf, wenn ich sage, dass ich über nichts gelacht habe. Dass ich einfach nur deshalb gelacht habe, weil ich mich dazu entschieden hatte. Und dann lade ich sie ein, gemeinsam mit mir zu lachen, nur so, ohne Grund. Das wird meistens sehr lustig. Nachdem wir dann 5–6 Minuten gemeinsam gelacht haben, sitzen wir da, mit strahlenden Augen, voll Euphorie, entspannt und ungleich aufnahmebereiter als gerade noch vorher. Von Charlie Chaplin stammt der Satz „Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“. Dieser Tag war kein verlorener. Sicher ein verlorener war jedoch der Tag für den Herrn Professor, als er uns das Lachen verbot. „Aller Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt“, stellte Hermann Hesse fest. Offenbar fehlte es dem Professor gänzlich an Humor, an jener Fähigkeit, einen Schritt zur Seite zu treten und von Herzen über sich und das zu lachen, was sich an Drama gerade abspielt. Wer im Theater des Lebens nur seine Rolle spielt, ohne zugleich auch Zuseher zu sein und die Komik, die in den jeweiligen Situationen liegt, zu erfassen, ist auch nicht fähig, Regisseur des eigenen Lebens zu sein und die vermeintliche Tragödie in eine Komödie zu verwandeln. Er läuft Gefahr, am Ende als tragischer Held zu sterben. Um ehrlich zu sein, ich hätte wahrscheinlich auch das Zeug zum tragischen Helden, aber ich habe mich entschieden, diese Rolle mit jener des lustigen, lebensfrohen Gesellen zu vertauschen.

Wer im Theater des Lebens nur seine Rolle spielt, ohne zugleich auch Zuseher zu sein und die Komik der jeweiligen Situationen zu erfassen, ist auch nicht fähig, Regisseur des eigenen Lebens zu sein.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, heißt es. Je weniger man zu lachen hat, desto mehr sollte man lachen. Bei Stress, Schmerzen, Niederlagen, Wutanfällen, wann immer man um etwas bangt oder ringt, hilft Lachen. Es hilft, Abstand zu gewinnen, sich in den Zuschauerraum zu beamen, von wo aus alles nicht mehr so schlimm ist, wie es auf der Bühne erscheint. In Diktaturen beispielsweise werden viel mehr Witze über Politiker gemacht als in Demokratien. Warum? Weil das den Menschen hilft, sich zumindest in ihrem Inneren ein wenig Freiheit zu schaffen. Denken wir an Begräbnisse! Kaum ein paar Hundert Meter vom Friedhof entfernt, wird es zumeist richtig lustig, sodass sich neben der Schwere der Trauer auch jene Leichtigkeit einstellt, die notwendig ist, den Verlust zu verarbeiten. In jungen Jahren hatte ich einen leichten Autounfall. In meinem Auto saß eine Frau und brach in geradezu hysterisches Gelächter aus. Das war ihre Art, ihren Schock zu überwinden.

Das Geheimnis des Humors ist die Distanz. Jene Distanz, aus der die Verrücktheiten des Lebens als verrückt erkannt, belächelt und dadurch besser ertragen werden können. Jene Distanz, die es uns ermöglicht, das Leben als das zu nehmen, was es ist, und in Frieden damit zu sein. Jene Distanz, die uns befähigt, unsere Stimmung nicht davon abhängig zu machen, ob unsere Wünsche in Erfüllung gehen, sondern fröhlich zu sein um der Fröhlichkeit willen. Humor ist freilich auch ein Erfolgsprinzip. Manche meinen, wenn sie ihr Ziel erreicht hätten, könnten sie wieder lachen. Ich meine, wenn sie lachen, erreichen sie ihr Ziel. Sie erreichen es zumindest mit einer höheren Wahrscheinlichkeit. Es gibt Untersuchungen, die bezeugen, dass lächelnde Menschen höhere Chancen haben, einen Job zu kriegen, für den sie sich bewerben, einen Verkauf abzuschließen, bei einer Verhandlung Gehör zu finden, einem attraktiven Partner zu begegnen, als solche, die ihr Lächeln in der Garderobe gelassen haben. Erfolg beginnt mit einem Lächeln, mit Entspanntheit (das weiß auch jeder Spitzensportler), mit einem schmunzelnden Hinschauen zu dem jeweiligen Akt im Drama des Lebens. Das Leben ist komisch genug, als dass man nicht ständig etwas zum Lachen finden könnte.

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8. Oktober 2019