Arts & Design

Ein Leben in Punkten

Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama, die seit 1973 in einer Nerverheilanstalt lebt, hat mit ihrer Pop-Art-Kunst Weltruhm erlangt. Ihre Werke könnten heutzutage nicht relevanter sein. Eine Geschichte von Emanzipation und Unterdrückung.

Clara Wimmer17. März 2017 No Comments
Yayoi Kusama with recent works in Tokyo, 2016 Photo by Tomoaki Makino Courtesy of the artist © Yayoi Kusama

Yayoi Kusamas Kunst ist durch ihre psychische Krankheit geprägt. Halluzinationen in Form von Punkten und Netzstrukturen sind bereits in ihrer Kindheit die Landkarte des Universums in ihrem Kopf gewesen. Heute sind die Polka Dots und Infinity Nets ihr Markenzeichen. Die 88-Jährige sorgt seit den 1960er Jahren mit ihren Werken für Aufregung.

Kusama ist im Umgang mit ihrer Krankheit stets offen gewesen. Sie wächst im Japan der Nachkriegszeit auf. Einem Japan, das von faschistischen Militätstrukturen und konservativen Lebensformen geprägt ist. Schon im Alter von zwölf Jahren arbeitet sie in einer Fallschirmfabrik. Die Strenge und der Druck ihres Elternhauses könnten Kusamas Erkrankung schon in jungen Jahren negativ beeinflusst haben.

Yayoi Kusama All the Eternal Love I Have for the Pumpkins, 2016 Wood, mirror, plastic, black glass, LED Collection of the artist. Courtesy of Ota Fine Arts, Tokyo / Singapore and Victoria Miro, London. © Yayoi Kusama

Yayoi Kusama All the Eternal Love I Have for the Pumpkins, 2016, at the Hirshhorn Museum and Sculpture Garden Wood, mirror, plastic, black glass, LED Collection of the artist. Courtesy of Ota Fine Arts, Tokyo / Singapore and Victoria Miro, London. © Yayoi Kusama Photo by Cathy Carver

„Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke, als ich aufblickte, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, und schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum. Ich begann mich selbst aufzulösen und fand mich in der Unbegrenztheit von nicht endender Zeit und in der Absolutheit der Fläche wieder. Ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts“, sagt Yayoi Kusama heute. Die Kunst gibt ihr eine Möglichkeit, diese Gefühle zu kanalisieren. Bereits im Alter von zehn Jahren beginnt sie zu malen.

1958 entflieht sie den engen Strukturen in Japan und geht nach New York. Bald entwickelt sie ihren Stil weiter und übersteigt die Dimension der Leinwand. Sie projiziert Polka Dots und Infinity Nets auf Objekte und ganze Räume. Anfang der 1960er-Jahre zeigt Kusama großflächige Gemälde, Stoffskulpturen und Installationen mit Spiegel und Lichtquellen. Gegen Ende der Dekade fasst die Künstlerin ihre Antwort auf politische Themen wie die Nixon Affäre oder den Vietnamkrieg in Form von Happenings.

Yayoi Kusama Installation view of Yayoi Kusama: Infinity Mirrors at the Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, 2017. Life (Repetitive Vision), 1998 Photo by Cathy Carver

Sie nutzt die Kunst seit Beginn für sich, um die Halluzinationen, ausgelöst von ihrer Krankheit, und ihre Reaktionen auf äußeren Umstände zum Ausdruck zu bringen. So hat Kusama ihre Angst vor phallischen Symbolen zu Skulpturen verwandelt. Besonders bekannt ist „Travelling Life“, eine Leiter überzogen von weißem, phallisch geformtem Stoff, auf dessen Trittflächen Frauenschuhe stehen. Sie verkörpert die männliche Domäne in der Kunstszene und den dadurch erschwerten Werdegang der Künstlerin.

1973 kehrte sie zurück nach Japan. Kusama ging auf eigenem Wunsch in eine Nervenheilanstalt und lebt und arbeitet seitdem dort. Ihre Kunst und ihre Krankheit sind unvermeidbar ineinander verwoben. 2012 sagte sie in einem Interview mit „The Guardian“: „Die Ärzte haben gesagt, dass es so ist, weil ich es geschafft habe, sie (Anm. der Redaktion: ihre Krankheit) auf diese Weise zu kanalisieren. Es hat sie in Schach gehalten und das ist auch genau das, was viele Menschen an meiner Kunst lieben.“

Yayoi Kusama The Obliteration Room, 2002 to present Furniture, white paint, and dot stickers Dimensions variable Collaboration between Yayoi Kusama and Queensland Art Gallery. Commissioned Queensland Art Gallery, Australia. Gift of the artist through the Queensland Art Gallery Foundation 2012. Collection: Queensland Art Gallery, Brisbane, Australia Photograph: QAGOMA Photography © Yayoi Kusama

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