Top Stories

Daheim beim Dalai Lama: Sein privates Reich

Friedensnobelpreisträgerin Betty Williams schreibt exklusiv für OOOM über ihre langjährige Freundschaft zum Oberhaupt der Tibeter.

Betty Williams3. August 2017 No Comments

Von seiner Terrasse aus sieht er auf das Himalaya-Massiv, das Tibet von Indien trennt, und Dharamsala, jene indische Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern, die ihm seit 1959 Exil ist.

Ich würde mir wünschen, dass sich China in der Frage Tibets endlich bewegt. Ich hoffe, dass ich ein freies Tibet noch erleben kann. Momentan sieht es zwar nicht sehr wahrscheinlich aus, aber wer hätte schon gedacht, dass die Sowjetunion einmal zerfallen wird? Auch ein freies Südafrika war nicht sehr wahrscheinlich, heute ist es Realität. Ich hoffe sehr, dass es Seine Heiligkeit noch in diesem Leben erlebt, bevor er ins nächste aufbricht. Dass Tibet eines Tages frei sein wird, ist nur eine Frage der Zeit. Kein Reich hat ewig überlebt, das hat uns die Geschichte gelehrt.

Geburtstag in Japan. Ich erinnere mich, dass wir einmal gemeinsam in Japan waren und ich zu Mittag zum Lunch mit Erzbischof Tutu und dem Dalai Lama im Hotel eingeladen war. Also ging ich auf mein Zimmer, richtete mich her und freute mich auf unser Treffen. Es war zufällig an meinem Geburtstag. Auf einmal klopfte es an meiner Tür, ich öffnete sie – und davor stand Seine Heiligkeit. Er wollte mich zum Lunch persönlich abholen. Wir fuhren mit dem Aufzug runter zum Restaurant und er sagte zu mir: „Betty, ich habe dir etwas sehr Nützliches zum Geburtstag gekauft.“ Ich dachte mir: Was kann das sein, ein Kochtopf?

Es war eine wunderschöne Kamera. Meine Enkeltochter ist eine ausgezeichnete Fotografin, sie war begeistert, als sie das edle Stück sah. Seine Heiligkeit vergisst nichts – auch meinen Geburtstag nicht.

Im Dorf seiner Mutter. Als ich ihn in Dharamsala besuchte, verbrachte ich auch viel Zeit in seinem Dorf der Kinder. Die Eltern in Tibet schicken sie alleine über den Himalaya nach Indien, weil sie eine bessere Zukunft für sie erhoffen. Das Dorf ist wunderschön, die Kinder werden sehr gut erzogen und liebevoll unterrichtet. Ich war damals eine ganze Woche dort. Ich besuchte auch das Dorf seiner Mutter Diki Tsering in Tibet, ich saß auf ihrer Veranda und schaute auf den Himalaya. Und ich wusste, dass Seine Heiligkeit wohl gerade am anderen Ende der Straße saß, auf der anderen Seite des Himalaya, wissend, dass sein Land, sein Tibet, auf der anderen Seite des Berges liegt, so nah und für ihn doch so unerreichbar fern. Das war ein herzzerreißender Moment für mich.

Bescheidenes Leben. Der Dalai Lama lebt sehr bescheiden, aber auch sehr nett. Er hat weder einen Palast noch Prunk. Er lebt sehr einfach, er isst sehr einfach. Er trägt bequeme komfortable Schuhe, aber keine luxuriösen oder teuren. Am liebsten zieht er seine Schuhe auf der Bühne oder bei der Meditation aus.

Täglich um 3.30 Uhr steht er auf, da beginnt sein Tag. Er beginnt sein Morgenritual mit Meditation und dem Aufsagen spiritueller Texte.

Wenn wir einander treffen, nehme ich meist an den Ritualen teil, das haben wir schon beim ersten Mal, als wir einander in Afrika in Albert Schweitzers Spital sahen, gemacht. Das ist jedes Mal sehr bewegend.

Ich habe damals allerdings noch nicht verstanden, was da vor sich geht. Es war das erste Mal, dass ich mit dieser Art von Spiritualität konfrontiert wurde. Wenn dann die Mönche gemeinsam ihre Mantras und Texte aufsagen, so hat das eine unheimliche Kraft. Das ist sehr bewegend.

Seine Heiligkeit und mich verbindet außer unserer Freundschaft auch die Tatsache, dass wir beide den Friedensnobelpreis bekommen haben. Wenn wir darüber reden, lache ich meistens. Denn es gibt Nobelpreisträger und Super-Nobelpreis­träger. Zu Letzteren gehören Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, Südafrikas Erzbischof Desmond Tutu und der Dalai Lama. Sie sind einige der bekanntesten Menschen der Welt, sie haben Geschichte geschrieben und werden noch in Jahrzehnten in unseren Geschichtsbüchern stehen. Und sie sind meine Helden.

Ich bin sehr stolz, mit ihnen in derselben Gesellschaft zu sein, auf denselben Bühnen dieser Welt stehen zu können. Ich wünschte, viel mehr Frauen dieser Welt hätten diese Möglichkeit wie ich.

3. August 2017