Tech & Science

Zumtobel: In lichte Höhen

Mit 4.800 Patenten ist die Zumtobel Group ein Techgigant des Lichts und einer der bedeutendsten Player weltweit. Das Guggenheim Bilbao oder die Fondation Beyeler setzen auf die Expertise des Weltkonzerns aus Dornbirn, um Kunst zu inszenieren. Doch auch im Bereich Nachhaltigkeit geht ­Zumtobel neue Wege. OOOM sprach mit Isabel Zumtobel, Head of Arts & Culture, und ­Sebastian Gann, Group Sustainability Director, über die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ólafur Elíasson, Anish Kapoor oder James Turrell, das Licht der Zukunft, Kreislaufwirtschaft, das Spiel von Licht und Schatten und das anvisierte Ziel, bis 2025 klimaneutral zu wirtschaften.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Wenn man die Entwicklung der Leuchtmittel in den letzten Jahrzehnten betrachtet – von der normalen Glühbirne über Halogen bis LED – was wird tatsächlich das Licht der Zukunft sein? Kommt noch etwas ganz Neues?

Gann: Aus meiner Sicht wird es LED sein. Halogen wirkt deswegen sehr angenehm, weil es spektral als sehr angenehm empfunden wird. Wir haben vor kurzem das Beyeler Museum neu bespielt und da waren die Kuratoren vor unserer Lichtlösung auch begeistert vom Halogen-Licht und seiner Qualität. Jedoch haben wir mit neuester LED-Technologie und LED-Designs erfolgreich Überzeugungsarbeit leisten können.

Zumtobel: Im ersten Gespräch, bei dem wir mit dem Direktor der Fondation Beyeler, Samuel Keller, im Café saßen, meinte er, sie haben  ihre Beleuchtung seit 20 Jahren und es solle sich optisch nichts daran ändern. Gleichzeitig auch: „Wir brauchen aber viel mehr Licht und möchten viel mehr Flexibilität und neue Möglichkeiten.“ Damit hat ein gemeinsamer dreijähriger Weg begonnen. Es war das erste Museum, in dem wir die tunableWhite-Technologie eingesetzt haben, die sich durch höchste Weißlichtqualität auszeichnet, denn nichts ist so lebendig wie weißes, natürliches Licht

Gann: Bei der Fondation Beyeler hatte der Lichtplaner tatsächlich eine sehr genaue Vorstellung, wie das Licht des Strahlers an der Wand erscheinen soll, und hat für sich befunden, dass es diese Qualität, wie er sich das vorstellt, am Markt nicht gibt. Er suchte also jemanden, mit dem er das umsetzen kann, und hat uns dann damit herausgefordert. Wir haben gesagt: Wir können das machen. Wir haben verschiedene Konzepte ausprobiert, um uns dem zu nähern, und haben schließlich einen Prototypen entwickelt, den er zwei Wochen lang getestet hat. Nach dieser Testphase kamen wir zum Planer. Im Keller hatten sie eine Versuchsanordnung aufgebaut mit unserem Strahler und drei Farbtafeln mit den typischen Farben für die Alten Meister, die Impressionisten und die Moderne, um jeweils die Wirkung und Farbwiedergabe zu prüfen. Der Lichtplaner drehte sich zu uns und sagte nur: „Mit diesem Strahler würde ich gerne jedes Museum beleuchten.“ Wir waren sehr froh darüber und hatten dann sogar das Privileg, beim Einleuchten auf Picassos die Wirkung testen zu dürfen. Wir haben das für das Beyeler Museum eigens entwickelte optische System für unsere neue Strahlerplattform für Museumsbeleuchtung in ein Serienprodukt umwandeln können. Es ist schön, wenn Kunden zufrieden sind.

LED war nicht sofort beliebt.

Gann: Vor über einem Jahrzehnt hat man sich auf Produktebene die Frage gestellt, ob der technologische Wandel von der Leuchtstofflampe hin zu LED Sinn macht. Da gab es Leute, die meinten, LEDs machen doch in der Herstellung schon solche Schäden und verursachen so viel CO2, das kann sich nie über einen Lebenszyklus ausgehen und deswegen ist diese Technologie eigentlich gar nicht tauglich für die Allgemeinbeleuchtung. Bei der Zumtobel Group hat man begonnen das Ganze fundiert zu erschließen und zu berechnen. In der Beleuchtung waren wir unter den Ersten, die sich mit Ökobilanzierung auseinandergesetzt haben, um tatsächlich von den Materialien weg über die Fertigungsprozesse und die Gebrauchsphase bis hin zu Entsorgungsszenarien zu erschließen, worum es da eigentlich geht, und diese Mythen durch Zahlen zu ersetzen.

Da war Ihnen sicher Ihr Mathematikstudium behilflich.

Gann: Es gibt eine breite Palette von Fragen, denen man sich damit nähern kann. 90 Prozent der Impacts werden durch die Gebrauchs­phase verursacht und den Stromverbrauch, der da drinnen liegt. Damit haben viele Unternehmen eine Entschuldigung gehabt, auf die Materialität keinen Wert mehr zu legen. Wir haben uns immer schon mit dem Material beschäftigt und der Materialgesundheit. Das sind Themen, die auch jetzt im Hinblick auf die Kreislaufwirtschaft aktueller sind als je zuvor. Energieeffizienz ist nicht mehr allein das einzige Argument, das zählt.

Wenn Sie zum Beispiel für Museen individuelle Lichtlösungen gestalten sollen, kommen diese automatisch als Erstes zu Ihnen?

Zumtobel: Es kommt immer darauf an, ob die Museen privat oder staatlich sind. Bei staatlichen Museen gibt es immer öffentliche Ausschreibungen und da ist man einer von mehreren. Die Fondation Beyeler ist ein Privatmuseum, da ist das anders. Beim Guggenheim Museum in Bilbao hatte die Ausschreibung ein Punktesystem, von dem 50 Prozent der Punkte der Preis war. In der ersten Ausschreibung hat aufgrund dieses Punktesystems eine eher unbekannte Lichtfirma die Ausschreibung gewonnen, die aber letztendlich nicht das technische Ergebnis schaffen konnte, das sich das Guggenheim Museum wünschte. Bei diesen Investitionen soll das ja auch in 20 Jahren noch gut sein. Sie haben dann die Ausschreibung zurückgezogen, das Punktesystem verändert und eine neue Ausschreibung gemacht, bei der die Technik einfach mehr im Vordergrund stand. Mit Guggenheim haben wir dann gemeinsam einen Wallwasher entwickelt (Anm.: eine Beleuchtung, bei der die Wand  durch Licht akzentuiert wird). So entstehen oft auch Sonderprodukte, die dann zum Standard bei uns werden. 

Sie sind im Lichtbereich Pioniere der Kreislaufwirtschaft.

Gann: Die Kreislaufwirtschaft ist ein sehr vielschichtiges und komplexes Thema und die Materialgesundheit ist da ein wesentlicher Bestandteil, die Auswahl der Stoffe, die man zirkulieren lässt. Wir fragen uns: Was macht ein Produkt kreislauffähig? Wie muss man ein Produkt gestalten und designen, damit man es reparieren kann, damit es länger lebt, damit es am Ende des Lebens oder der Gebrauchsphase gut weiterverwertbar ist? Wir haben da eine riesige Bandbreite an Beleuchtung: vom Strahler, der in einem Pop-up-Store für ein Jahr hängt, bis zur Straßenbeleuchtung, die 40 Jahre irgendwo steht und Wind und Wetter aushalten muss. Das sind aktuelle Fragen, die uns beschäftigen und zu denen wir das Commitment abgegeben haben, dass sie hoch auf unserer Agenda stehen. 

Die Zumtobel Group hat über 4.800 Patente, ein gewaltiges Portfolio. Geht das eher in den Bereich des „Internet of Things“, also hin zu komplexen Lichtlösungen in einer
digitalisierten Welt? 

Gann: Diese Multidisziplinarität, die eine Beleuchtung hat – Mechanik, Elektronik, Hardware und Software – spielt da zusammen, Energieeffizienz ist auch ein Teil davon. Es können auch scheinbar simple Dinge mit großer Wirkung sein. In meinen Anfangszeiten war ich dabei, wie jemand ganz stolz mit einer bewilligten Patentschrift vorbeikam und erzählte, er hat den „Cool Spot Optimizer“ erfunden. Tatsächlich war das ein kleines Alurohr.  Es ist so, dass Leuchtstofflampen bei tiefen Umgebungstemperaturen weniger effizient sind, abhängig von der Temperatur am  sogenannten Cool Spot. Wird der Optimizer nun über den Cool Spot geschoben,  transportiert er die Wärme von der heißen Wendel zum Cool Spot und macht so das Maximum an Lichtstrom verfügbar. Er hatte etwas erfunden, was letztendlich dem Kunden zugutegekommen ist, weil es die Effizienz des Systems erhöht hat.

Es muss nicht immer die komplexe Highend-Lösung sein. Das ist auch etwas, was Zumtobel auszeichnet, diese Liebe zum Detail und der Wunsch, bis zur letzten Meile die Verbesserung zu entwickeln.

Seit 2007 verleihen Sie den Zumtobel Group Award, bei dem es um Innovation, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit in der gebauten Umwelt geht. Ihre Mission?

Zumtobel: Der Zumtobel Group Award in den Kategorien Buildings und Urban Developments & Initiatives sowie dem Sonderpreis für Innovations thematisiert den Umgang mit knappen Ressourcen, die Möglichkeit neuer Nutzungen im Bestand sowie nachhaltige Entwicklungskonzepte für den urbanen, aber auch ländlichen Lebensraum, darüber hinaus auch die Anwendung neuer Materialien und innovativer Prozesse – und das über unser Kerngeschäft hinaus, wie auch bei den Geschäftsberichten. Er zeigt auch, wie wichtig interdisziplinäre Netzwerke und Zusammenarbeit sind, um Ziele zu erreichen. Natürlich fördert er Aufmerksamkeit für die Herausforderung an die Gestaltung gegenwärtiger und zukünftig gebauter Lebenswelten und die Verantwortung, die nicht nur den Gestaltern dabei zukommt. Das ist uns wichtig.

19. November 2021