Arts & Design

Reinhold Messner: Grenzgang zwischen den Welten

Der bekannteste Bergsteiger der Welt zeigt sein noch von Zaha Hadid gestaltetes Museum auf der Kronplatz in Südtirol. Und spricht über Glaube und Inspiration.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Sehen Sie sich künftig als Regisseur mit Schwerpunkt Dokumentationen, oder war das ein einmaliger Versuch?
Ich sehe mich in der Rolle des Erzählers. Ich werde so etwas in den nächsten zehn Jahren öfter machen. So wie ich die Museen gebaut habe, möchte ich jetzt Filme machen, die faszinieren. Ich habe ein paar Geschichten im Kopf oder auch bereits aufgeschrieben, die ich gerne erzählen möchte. Ich sehe mich da nicht als Regisseur, sondern als Filmemacher, als Erzähler. Ich erzähle Geschichten. Auch hier im Museum erzähle ich Geschichten. Aber die Mittel hier sind andere, als wenn ich Kamera und Ton zur Verfügung habe. Wir haben lange Zeit überlegt, welche Schauspieler wir für die Spielszenen nehmen. Das ist das größte Problem: Kletterer können nicht schauspielen und Schauspieler können nicht klettern.

Hat der Klettertourismus am Mount Everest, wo Untrainierte für Zehntausende Dollars auf den Gipfel gekarrt werden, noch etwas mit Bergsteigen zu tun?
Nein. Mein Museum zeigt, was traditionaler Alpinismus ist. Beim Eingang zum Museum hängt außen eine Aluminiumleiter. Das ist genau eine jener Leitern, die man auch am Mount Everest benutzt, um Spalten und Steilstufen zu überbrücken. Gleicht rechts beim Eingang hängt ein Bild, wo man beim Second Step am Mount Everest diese Leiter sieht. Daneben steht ein Text: „Wenn der Tourismus den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, wo beginnt dann der Alpinismus?“ Auf dem höchsten Punkt der Welt kann ich also auch als Tourist gehen. Ich muss kein Alpinist mehr sein. Das Klettern hat sich in den letzten 30 Jahren in viele Disziplinen aufgesplittert: Boldern, Sportklettern, alpines Klettern, Free Climbing, Solo-Klettern, usw. 90 Prozent der Kletterer klettern in der Halle, nur an künstlichen Wänden. Das ist großartig. Aber es hat nichts mehr mit Klettern am Berg zu tun. Das ist einfach ein Sport geworden.

Wären Sie einige Jahrzehnte später geboren, hätten Sie trotzdem Berge bestiegen? Oder hätten Sie sich andere Ziele gesucht?
Ich weiß es nicht. Ich habe einen Sohn, der macht das auch. Der geht in die Halle und trainiert dort. Heutzutage fahren die Jungen in der ganzen Welt herum. Aber die gehen nicht, wie wir zuerst in die Alpen und machen dann die schwierigsten Touren auf den Mont Blanc, die Matterhornnordwand oder die Eiger Nordwand. Heute klettern die Jungen irgendwo in der Welt, in Pata-
gonien, auf tausend Meter hohe Granitwände, wo noch niemand anderes zuvor je war. Sie suchen sich weltweit Spielmöglichkeiten. Das Bergsteigen ist auch global geworden. Als ich jung war, gab es nur ein paar Japaner und ein paar Amerikaner, die waren aber lang nicht so gut wie wir. Heute ist das eine globale Geschichte. Es gibt ein paar Belgier, die gehören zu den besten Bergsteigern der Welt, auch Israelis und Südafrikaner. Es gibt heute exzellente Bergsteiger auf der ganzen Welt.

Die heutigen Grenzgänger sind Unternehmer wie Elon Musk, der mit Tesla nicht nur Elektroautos herstellt, sondern auch Raketen entwickelt, um damit zum Mars zu fliegen. Gehen heute alle großen Ziele über die Erde hinaus?
Ich bin nicht überzeugt, dass das mit dem Mars funktionieren wird. Es ist ein Weg ohne Wiederkehr, außer die Technologien ändern sich radikal. Auf dem Mars und dem Mond gibt es für Menschen keine nachhaltigen Überlebensmöglichkeiten. Es wäre unendlich teuer, eine Kapsel auf dem Mond  zu bauen, um genug Sauerstoff zu haben, damit Menschen dort leben können. Unsere Aufgabe sollte es sein, die Erde bewohnbar zu halten. Das ist wichtiger.

Seit Sie erstmals auf dem Mount Everest standen, hat sich unsere Welt radikal verändert. Begeistert oder beängstigt SIe das?
Vom Mount Everest gab es damals keine Telefonverbindung. Heute kann ich vom Gipfel mit dem normalen Handy in die ganze Welt telefonieren. Kletterer sind heutzutage ununterbrochen im Netz und können abends ihre Kletterei ins Netz stellen, die sie zuvor am Berg fotografiert haben, und das von überall. Das ist eine ganz andere Zugangsweise. Die großen Tragödien hätte es nicht gegeben, wenn man schon damals einen Wetterbericht gehabt hätte. Den hatten wir nicht. Heute holen sich alle den Wetterbericht und wissen zu jeder Zeit, was sie da oben erwartet.

Verwenden Sie soziale Medien? Smartphones? E-Mails?
Nein. Mich kann man im Grunde nicht erreichen. Ich will das auch nicht. Ich will auch weiterhin völlig frei von Verpflichtungen sein. Ich schreibe und mache Filme. Ich habe ein Büro, da laufen Anrufe an und da wird entschieden, was ich tue und was nicht. Da wird auch entschieden, welche Botschaften mich erreichen sollen. Ich verwende kein Handy. Das ist meine größte Errungenschaft, dass ich mir diese Freiheit in der heutigen Zeit genommen habe. Ich bin nicht gezwungen, am Handy rasche Entscheidungen zu treffen. Ich wäre auch zu großzügig dafür.

Es gibt immer wieder Tragödien auf den höchsten Bergen der Welt. Haben Sie den letzten „Everest“-Film mit Josh Brolin und Jake Gyllenhaal gesehen, der mit 192 Millionen Dollar viermal soviel eingespielt hat, wie er kostete?
Den finde ich nicht gut. Der ist zu steril. Der Everest wurde für den Film nachgebaut und vergrößert. Ich sehe, dass da ein Plastikberg im Hintergrund ist und die Kletterer vor einem Green Screen stehen. Das ist irgendwo in den Alpen gedreht worden. Es ist schon eine aufregende Geschichte, die aber leider nicht mutig erzählt und auch nicht glaubwürdig verfilmt wurde.    

Was ist das für ein Gefühl, wenn man auf einen Berg klettert und an Toten vorbei muss, die abgestürzt oder erfroren sind? In dieser Höhe kann man Tote ja kaum bergen.
Ich bin immer wieder an Toten vorbeigegangen.  Was tun Sie, wenn da ein Toter liegt? Das erste Mal ist es mir 1982 auf einem Achttausender passiert. Wir wussten, dass Österreicher am Berg verschollen sind. Ich bin dann mit zwei Pakistani nach oben und wir  haben ihr Zelt gefunden mit einem Tagebuch. Einen Toten haben wir gesehen und liegen gelassen. Er lag in einer Nische, er ist erfroren. Den Zweiten haben wir nicht gefunden. Das Tagebuch habe ich mitgenommen und es der Familie des Toten geschickt. Sie haben dann angefangen zu stänkern, die Familie wurde richtig unangenehm. Da fragte ich sie: Hätte ich das Tagebuch besser liegen lassen sollen? Es kam keine Antwort. Dann kam ich zwei Jahre später wieder dorthin. Die Familie hatte mir im Vorfeld geschrieben, dass der Tote wohl immer noch oben liegen würde. Sie haben mich gebeten, ihn zu bestatten, sollte ich ihn finden. Das habe ich gemacht. Es war wirklich schwierig. Wir dürfen einen Toten eigentlich nicht anfassen oder auf die Seite räumen.   

Bergen kann man eigentlich in dieser Höhe niemanden?
Man kann ihn bestenfalls herunterziehen, wenn man fünf bis sechs Leute dabei hat, oder hinunterrutschen lassen. Wenn er steif gefroren ist, zerschlägt ihn das aber.   

An den Wänden Ihres Museums stehen viele sinnhafte Sprüche. Hat Alpinismus viel mit Philosophie gemein?
Für mich ist Alpinismus, seitdem ich Museen gestaltet habe, eine kulturelle europäische Erscheinung, die sich in Folge weltweit verbreitet hat. Es heißt ja Alpinismus, weil das Ganze in den Alpen entstanden ist. Dazu gibt es viel Literatur, von Thomas Manns Zauberberg bis Camus und Nietzsche. Zarathustra ist auch eine Berggeschichte. Es gibt Literatur und auch Philosophen, die sich daran gehängt haben, nicht nur Viktor Frankl, der ein Logotherapeut war, aber auch Philosoph. Es haben sich viele Philosophen mit Bildern bedient, die aus den Bergen stammen.

Wo finden Sie Inspiration?
Ich habe früh angefangen, über Alpinismus zu lesen. Ich habe die ganze Matterhorngeschichte neu geschrieben, weil sie völlig falsch war. 150 Jahre hatte man eine falsche Geschichte erzählt. Da habe ich sehr viel gelernt. Ich habe mich schon mit zwölf oder dreizehn Jahren, neben meinen bescheidenen Klettereien als Bub, hintergründig über das Bergsteigen informiert. Das war eine Leidenschaft von mir, die sehr inspirierend war. Ich habe früh angefangen zu schreiben. Schon als Oberschüler habe ich für eine Zeitung über Alpinismus geschrieben. Immer nur Alpinismus, weiter ging ich nicht.

Gibt es eine Herausforderung, die Sie noch abhaken möchten?
Ich möchte noch Geschichten mit dem Medium Film erzählen, wo Leute nicht mehr fragen, ob der Mount Everest im Hintergrund echt ist oder aus Plastik. Für mich ist Geschichten zu erzählen etwas, das vor 5.000 Jahren anfängt, wo ein Mensch nach Hause kam und am Feuer von seinen Geschehnissen erzählte. Da sind die Menschen schon damals an seinen Lippen gehangen. Heute hat man andere Möglichkeiten, man hat den Film. Da ist alles viel komplexer. Deshalb ist es auch schwieriger, Glaubwürdigkeit zu erlangen. Ich kann eine Geschichte erfinden, die wahrer ist als die gelebte Geschichte.

Es muss für den Zuschauer glaubwürdig erscheinen.
Die Geschichte muss stark sein, sodass die Leute keine Zeit haben zu sagen: „Das ist ja nicht echt, das ist nur ein Bild.“ Gerade am Berg darf man das nicht machen. Wir haben alles vor Ort gedreht.

Heute gibt es ganz andere Verteilermöglichkeiten. Manche schauen sich Filme am Handy an, andere am Computer. Man kann sie weltweit abrufen.   

Reisen Sie noch viel?
Ja, immer noch.   

Für Vorträge, Projekte oder eher privat?
Die Vorträge sind nur in Europa. Ich bin diese Woche für eine amerikanische Firma in Rom. Ich fahre nicht gern nach Amerika wegen der Grenzkontrollen, die sie haben.

Mühsam?
Nicht nur das, es ist unangenehm. Da muss ich Zettel ausfüllen, wo ich gefragt werde, ob ich ein Maschinengewehr dabei habe. Selbst wenn ich eines mit hätte, würde ich am Zettel ja nicht mit „Ja“ ankreuzen.  Ich fahre auch zu vielen Festivals.   

14. Februar 2017